Rotwerden
Rotwerden

Rotwerden

Eine gestalterische Auseinandersetzung mit einem körperlichen Phänomen

[su_expand more_text=“Weiterlesen“ link_color=“#f95969″]

Rotwerden ist ein Phänomen, das sich kaum kontrollieren lässt. Es tritt unvermittelt auf, macht mit einem Hitzegefühl auf sich aufmerksam und lässt ein inneres Empfinden nach außen sichtbar werden. Meist kommt es überraschend und je mehr wir versuchen, es verschwinden zu lassen, desto stärker wird es. Dabei gibt es manchmal mehr von uns preis, als uns lieb ist. In dieser Arbeit habe ich das Rotwerden als gestaltbares Thema untersucht. Mich hat dabei interessiert, wie sich das Gefühl dessen für Außenstehende erfahrbar machen lässt. Welche Materialien sehen so aus, wie ich mich fühle? Welche Begegnungen können in Betrachter*innen Empathie auslösen? Mein Ziel war es, den für gewöhnlich unsichtbaren Teil eines sonst sehr visuellen Themas sichtbar und fühlbar zu machen und mich aktiv mit einem Thema zu beschäftigen, welches sonst nur ungefragt einen Teil in meinem Leben einnimmt. Es sind dabei 7 Arbeiten und zahlreiche Materialstudien entstanden, die sich näher mit dem flüchtigen Gefühl des Rotwerdens auseinandersetzen. [/su_expand]

[su_accordion][su_spoiler title=“Wachs“]Das Erröten ist oftmals mit einem intensiven Hitzegefühl im Gesicht verbunden. Diese körperliche Empfindung macht uns erst auf das eigene Erröten aufmerksam. In dieser Arbeit verbildlichen die brennenden Wangen, des Wachsgesichtes den spürbaren Teil des Rotwerdens und das rote Wachs, welches beim Abbrennen sichtbar wird, den sichtbaren. Nachdem die Flammen erlöschen, ist das Gefühl der Hitze zwar weg, trotzdem hinterlässt das schamvolle Ereignis seine Spuren.  

In der Medizin werden Anfang des 20. Jahrhunderts so genannte Wachsmoulagen unter anderem zu Lehrzwecken in der Dermatologie angewandt. Die Wachsgesichter wurden verwendet, um körperliche Veränderungen, beispielsweise ausgelöst durch Krankheiten, zu dokumentieren. (Hygienemuseum, o. D.) Wie die Wachsmoulagen hat auch diese Wachsmaske die Funktion, ein körperliches Phänomen abzubilden. Hierbei liegt der Fokus jedoch weniger darauf, durch ein akkurates Abbild medizinisches Wissen zu vermitteln, und vielmehr darauf, zur Auseinandersetzung mit Empathie und zwischenmenschlichem Erleben anzuregen. 

Quelle: Hygienemuseum, D. (o. D.). WACHSMOULAGEN. https://www.dhmd.de/sammlung/forschung/wachsmoulagen [/su_spoiler]

[su_spoiler title=“Gipsskulptur, Thermochrome Farbe“]

Durch Berührungen und Wärme verfärbt sich diese Arbeit von ihrer ursprünglich grauen Farbe zu einem rötlichen Ton. Oft entsteht das Rotwerden dann, wenn jemand uns zu nahe tritt, sei es körperlich oder emotional. Sie kommuniziert diese Botschaft nonverbal und lassen Betrachter*innen ihr eigenes Handeln reflektieren. Sie weist darauf hin, wie dieses unmittelbaren Einfluss auf andere hat und jede Berührung Spuren beim Gegenüber hinterlassen kann. [/su_spoiler]

[su_spoiler title=“Modelliermasse, Bio Kunststoff“]

Beim Erröten spüren wir, wie sich unser Kopf langsam mit Hitze füllt. Es fühlt sich an, als würde etwas in uns anfangen zu brodeln und drohen, jeden Moment überzukochen. Die Skulptur ist eine freie Form, die kaum noch an das eigentliche Gesicht erinnert. Ihre Form scheint zu expandieren. Die Schaumüberdeckung verstärkt diesen Eindruck. Sie breitet sich unkontrolliert aus, bedeckt die Oberfläche und quillt weiter über die Grenzen der Form. So wie das Erröten selbst nicht gestoppt werden kann, wächst auch der Schaum unaufhaltsam über die Skulptur hinaus. [/su_spoiler]

[su_spoiler title=“Getrockneter Ton, Acrylfarbe, Gummibänder“]

Ein Gesicht, welches eingeschnürt ist von Gummibändern. Die Haut quillt leicht über. Blut schießt in den Kopf, ein Gefühl von Enge macht sich breit und sorgt für Anspannung. Die Arbeit macht deutlich, wie bewusst man sich seiner eigenen Haut beim Erröten wird. Sie beleuchtet das Unwohlsein, das mit der Situation einhergeht und durch Scham ausgelöst wird, sowie das Gefühl, in der eigenen Haut gefangen zu sein. [/su_spoiler]

[su_spoiler title=“Filzwolle“]

Die flauschigen, strahlenden Eigenschaften der Filzwolle übersetzen das Rotwerden visuell in verschiedenen Hinsichten. Die weiche, dichte Struktur im Inneren erinnert an die Wärme, die sich beim Erröten über das Gesicht legt, und die feinen, sich ausbreitenden Härchen an das Unkontrollierbare dieses Prozesses. Der Übergang vom hellen ins rote Filz verstärkt dabei nochmal die Illusion der ansteigenden Intensität. [/su_spoiler]

[su_spoiler title=“Lichtinstallation mit Bewegungssensor, Latexmaske“]

Die interaktive Installation reagiert über einen Bewegungssensor auf die Annäherung von Besucher*innen. Je näher eine Person dem Werk kommt, desto intensiver beginnt das Licht unter der Latexmaske rot zu leuchten und dadurch zu signalisieren “Du kommst mir zu nahe”. Das rote Licht verweist auf das glühende Gefühl, das beim Erröten entsteht. Ein Empfinden, als würde der Kopf im Extremfall selbst zu leuchten beginnen und dadurch unweigerlich die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen. [/su_spoiler]

[su_spoiler title=“Videoinstallation“]

Neben 6 maskenartigen Arbeiten gibt es eine Videoinstallation, welche auf einem Tablet zu sehen ist. Ich selbst blicke darin mit möglichst neutralem Ausdruck in die Kamera und versuche dabei, mich bewusst zum Erröten zu bringen. Eine Situation, die sonst unkontrollierbar und ohne Mühe über einen herfällt, wird hier versucht, zu erzwingen, und ist plötzlich mit sichtbar viel Anstrengung verbunden. Das Rotwerden wird von unserem vegetativen Nervensystem gesteuert, was es quasi unmöglich macht, es zu kontrollieren. Das Video dient dazu, den starken Kontrast zwischen dem eigentlichen Erröten und dem Erzwingen dessen zu zeigen und ist gleichzeitig ein Versuch, Kontrolle über ein Phänomen zu erlangen, welches sonst so viel Kontrolle über einen selbst haben kann. [/su_spoiler]

[su_expand more_text=“Weiterlesen“ link_color=“#f95969″]

Ein Ziel dieses Projektes war es, sich mit neuen Materialien und Techniken vertraut zu machen. Mein Vorsatz dabei war es, ressourcenschonend zu arbeiten und durchgehend forschend nach umweltschonenden Alternativen zu suchen. Anstelle einer Silikonform habe ich beispielsweise mit Gipsformen gearbeitet. Bauschaum habe ich mit einem selbstgemischten Biokunststoffschaum ersetzt. Alte Wachsreste konnte ich für die Wachsskulpturen weiterverwenden und so weiter.  Dabei habe ich Augenmerk darauf gelegt, welche Materialen ich schon besitze und wie ich viel aus bereits Bestehenden rausholen kann. Ein weiteres Merkmal der Arbeit ist ihre Vergänglichkeit. Der Großteil der Arbeiten lässt sich bei Bedarf nach Abschluss des Projektes wieder auflösen und kann damit genau so temporär sein, wie das Rotwerden selbst. [/su_expand]

[su_spoiler title=“Ausstellung“]Beim Betreten der Ausstellung trafen die Besucher*innen zunächst auf eine warme Wand. Ein auf Kopfhöhe ausgerichteter Heizlüfter erzeugte ein spürbares, erdrückendes Gefühl, das den thematischen Einstieg markierte. Im vorderen Bereich des Raumes war ein farblich passendes Buffet zu finden und gleich daneben ein großer Spiegel. Beim Blick in den Spiegel wurden Besucher*innen von einem roten Scheinwerfer erfasst. Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht errötet war, tat dies nun unweigerlich. Der hintere Teil des Raumes war den Skulpturen und Prozesstischen gewidmet. Zentral positioniert befand sich die brennende Gesichtskerze, seitlich dazu waren die sechs weiteren Objekte arrangiert. Der abgedunkelten Raum wurde mit gezielt gesetzten Scheinwerfern in ein atmosphärisches Licht gehüllt. [/su_spoiler]

error: Content is protected !!